Leb Wohl – Wenn man einfach nichts fühlt

Es heißt immer wieder, Autisten hätten keine Gefühle. Dass das nicht richtig ist, kann nicht oft genug gesagt werden. Oft ist gerade das Gegenteil der Fall.

Traurige Szenen in Filmen, Spielen und sogar Büchern bringen mich regelmäßig zum Heulen. Ich lache über Witze und lustige Situationen und manchmal einfach, weil irgendetwas wunderschön ist und ich glücklich bin, es gesehen zu haben.

Und gleichzeitig… fällt es mir manchmal so schwer, zu fühlen. Oder besser gesagt, zu wissen, was und ob ich gerade fühle. Ich denke manchmal, durch all diese super starken Gefühle, die immerzu in mich fließen… bin ich nicht mehr in der Lage die ganz kleinen, subtilen Nuancen zu erkennen.

Heute habe ich erfahren, dass meine Großmutter gestorben ist.

Wir hatten ein gutes Verhältnis und ich habe sie sehr gern gehabt. Als Kinder und auch in unserer Jugend waren ich und meine Kusine oft bei ihr. Sie war ziemlich offen, obwohl sie gleichzeitig auch sehr gläubig war. Wir saßen stundenlang an ihrem Küchentisch, haben Radio gehört und wahrhaftig über Gott und die Welt geredet. Und nachts… uns manchmal stümperhaft an Geisterbeschwörungen und Tarotkarten versucht. Ja… tatsächlich!

Wenn ich an sie und diese Zeiten dachte, fühlte ich mich warm und glücklich.

Und doch… für eine sehr lange Zeit saß ich einfach nur da und habe gewartet. Auf die Tränen… die Traurigkeit. Und umso länger ich warte, desto weniger bin ich mir sicher, was ich überhaupt fühle. Meine Augen finden keine Tränen, ich breche nicht zusammen oder fühle mich depressiv… Aber in mir ist eine sehr kalte, sehr einsame Leere.

Ist das Traurigkeit? Und wenn ja, wieso fühlt sie sich so völlig anders an, als das, was andere, „normale“ Menschen zu fühlen scheinen, wenn sie trauern. Ist diese kalte Leere meine eigene Art der Trauer, die ich nicht erkennen kann, weil ich zu sehr darauf konditioniert wurde, wie sich Trauer anzufühlen hat?

Gefühle zu erkennen und zu benennen fällt mir so schwer. Da ist etwas, für das ich keinen Namen finde, von dem ich nicht einmal weiß, ob es real ist, oder nur ein vager Schemen meiner Erwartung.

Dazu lebe ich auch noch zu weit entfernt, um die Beerdigung oder auch nur ihr Grab zu besuchen.

Doch für sie allein habe ich heute das erste Mal seit sicher 15 Jahren gebetet. Obwohl ich längst nicht mehr gläubig bin. Aber ich habe es ihr einmal versprochen. Dass ich für sie allein ein Gebet sprechen werde. Es ist ja nicht ihre Schuld, dass ich ihren Glauben nicht teilen kann. Und ich hoffe, dass sie, sollte jemand meine Worte gehört haben, nun in guter Obhut ist. Sie hätte es verdient.

Haha… da sind sie ja. Während die Worte von meinen Fingern rinnen, fließen die lang erwarteten Tränen. Und ich lächle, weil ich nun auch dieses Versprechen erfüllen kann.

Wir sehen uns wieder. Irgendwann, irgendwo.

Ich liebe dich.

Leb wohl.

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