Mein Elternhaus

Bei meinen Eltern hatte ich nie Schwierigkeiten, zu erkennen, dass sie nicht Teil von mir waren.

Mein Vater ist ein sehr stiller Mensch. Ich weiß nicht, ob er im Spektrum ist. Er ist sehr ruhig und hat nie irgendwelche Ausbrüche, Meltdowns oder ähnliche Auffälligkeiten gezeigt, dennoch lebt er trotz Familie sehr zurückgezogen. Meistens ist er für sich und bastelt irgendwas aus Holz oder Draht. Als ich als Kind Perlentiere für mich entdeckte, machte er direkt mit und begann aus Draht und Bügelperlen große wunderschöne Rosen zu zaubern. Ich habe heute noch eine davon.

Von ihm dürfte ich auch diese seltsame Kombination geerbt haben: Wir sind beide recht tollpatschig und stolpern und ecken gern überall an. Es ist als würde uns unser Körper nur bedingt gehorchen. Bis zu den Händen. Wir beide haben eine unglaublich gute Feinmotorik. Umso kleiner ein Objekt, desto besser. Das fängt bei filigranen Perlentierchen an und geht weit zu feinen Kettenglieder per Hand zusammenfügen, Uhren auseinander und wieder zusammenbauen, winzige Dinge zeichnen oder winzige Figürchen aus Knete basteln, etc.

Ich repariere euch jeden Kleinkram… aber zwingt mich nicht, Völkerball zu spielen!

Er wird niemals irgendwie auffällig und ist extrem friedliebend. Leider zu einem so extremen Grad, dass er Konflikten gänzlich aus dem Weg geht. Auch, wenn es um das Wohl seiner Kinder ging. Und trotzdem… ich kann ihm nicht irgendwie böse dafür sein. Ich weiß selbst nicht, wieso, aber ich habe (und tu es noch) ihn sehr geliebt und geschätzt. Es ist angenehm, in seiner Gegenwart zu sein. Man fühlt sich irgendwie sicher und nicht genötigt, zu kommunizieren. Er ist einfach so ein Mensch, mit dem man stundenlang schweigend in einem Raum sitzen und zB zusammen puzzeln kann. Gewissermaßen war er also immer für uns da. Auf eine stille Weise. Wie ein Bollwerk, das nicht spricht, aber auch nicht wankt.

Unsere Mutter hingegen. Ich weiß nicht, was mit ihr passiert ist. Sie hat natürlich von ihrem Leben erzählt, aber nichts davon würde einen solchen Charakter erklären. Vielleicht gibt es wirklich Menschen, die einfach „böse“ geboren werden, auch wenn ich mich immer gegen diese Vorstellung gewehrt habe. Aber ausnahmslos jeder, der sie kennt, stimmt darüber ein, dass irgendwas bei ihr nicht ganz in Ordnung sein kann. Ich weiß auch bis heute nicht, wie ausgerechnet mein Vater dazu kam, so eine Person zu heiraten.

Man könnte höchstens sagen, dass wie wahrhaftig dumm ist. Nicht, wie ein Kind, das einfach unwissend ist… Sie ist wie ein Tier, das ihr eigenes Spiegelbild nicht erkennen kann. Sie scheint über kein wirkliches, eigenes Denken zu verfügen, denn was auch immer man ihr erzählt, sie hält es für wahr. Egal, ob das nun Werbespots oder religiöse Dinge sind. Hat sie aber einmal etwas für sich als wahr definiert, dann gibt es nichts, was daran rütteln kann. Ganz gleich, wie unsinnig ihre „Wahrheit“ auch sein mag. So hat sie sich ihre eigene Welt zurecht gedacht, in der ihre unsinnigen Regeln wohl Sinn ergeben. Ihre Welt unterscheidet sich von unserer extrem drastisch und nichts logisches scheint in sie vordringen zu können.

In unserer Kindheit war sie außerdem extrem gewalttätig. Für die kleinsten Vergehen gab es Schläge und Sachimpftiraden. Schimpfte sie uns aus, mussten wir uns dabei mit gesenktem Kopf vor sie hinknien, als wäre sie unsere Königin. Als solche fühlte sie sich wohl auch, denn sie hegt bis heute den Glauben, sie hätte das Recht uns zu befehligen, weil sie uns geboren hat.

Meine große Schwester bekam dabei am häufigsten die Prügel ab, während ich… mich schickte sie immer aus dem Raum, als wolle sie nicht, dass ich es sehe. Aber hören konnte ich es dafür umso besser. Ich weiß, bis heute nicht, was ich damals gefühlt habe. Mit dem Erkennen von Gefühlen hatte ich immer enorme Schwierigkeiten. War es Wut, Hass? Trauer? Ich weiß es wirklich nicht, aber es war ein durch und durch unangenehmes Gefühl. Und bis heute bereue ich, meiner Schwester wegen, dass ich nicht wusste, wie ich mit Menschen umzugehen habe. Ich war in meiner Welt und fühlte mich schlecht und meine Schwester saß da und musste sich noch so viel schlechter fühlen, weil niemand sie in den Arm genommen und getröstet hat. Stattdessen habe ich überhaupt nicht darauf reagiert. Nichts gesagt, nichts getan…

Manchmal frage ich mich dennoch, ob es nicht ein Vorteil war, autistisch zu sein. Ich weiß nicht, ob ich all die Jahre so relativ unbeschadet überstanden hätte, wäre ich mehr in meine Umwelt involviert gewesen. Meine NT Schwester schaffte es irgendwie, nicht verrückt zu werden und ist bis heute eine extrem gutherzige und fürsorgliche Person. Und dafür danke ich… wem auch immer. Es spielt keine Rolle. Ich bin einfach dankbar dafür.

Fortsetzung folgt…

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